2018/11/12

leise Zweifel

So langsam ist es schon wieder so weit und es geht in die heiße Phase der Prüfungsvorbereitung. Dieses Mal haben wir sehr viele mündlichen und praktische Prüfungen innerhalb von zwei Wochen, das erfordert eine besonders intensive Vorbereitung. Das Thema Abdomen, Stoffwechsel und alles was dazu gehört finde ich immerhin auch nach fünf Wochen noch super, aber trotzdem ist natürlich an manchen Tagen einfach mal die Luft raus oder man hat tatsächlich auch mal etwas anderes vor als ständig nur zu lernen. Genau das ist einfach super wichtig, denn 24/7 kann sowieso niemand lernen und wenn man es versucht ist man am Ende nur schlecht gelaunt und frustriert, weil man nicht das schafft, was man sich vorgenommen hatte, oder man zu der Erkenntnis kommt, dass man eben nicht durchgängig konzentriert und prodktiv sein konnte.
Ich muss zugeben, dass es mir sehr schwer fällt mir genügend Pausen einzuplanen und genauso mal zu akzeptieren, wenn ich gerade nichts lernen kann, auch wenn ich es mir eigentlich vorgenommen hatte. Obwohl ich weiß, wie wichtig die Auszeiten sind und obwohl ich mir zumindest im Bewussten versuche wirklich nicht viel Stress zu machen, fällt es mir schwer mal zur Ruhe zu kommen.
Ich bin mit meinem Arbeiten der letzten Wochen eigenltich total zufrieden oder sogar noch mehr als das. Es ist wahnsinnig viel Stoff und ich habe wirklich schon vieles davon nochmal wiederholt, zusammengefasst und etliche Seiten warten nun darauf vor den Prüfungen noch einmal intensiv durchgearbeitet zu werden. Wie immer ist mein Serien-Konsum stark runter gefahren (das passiert übrigens ganz von allein, ich muss mich dazu nicht zwingen), das Klavie-Üben wird sowieso vernachlässigt, eine lange Nacht hat meistens um die 6 Stunden Schlaf für mich und der Konsum an fritz-kola steigt überproportional und eigentlich auch über das hinaus, was für mein Portmonaie vertretbar wäre :D Ich bin wirklich zufrieden, ich mag den Stress sogar ein kleines bisschen, denn ich fühle mich meistens recht nützlich, wenn ich abends weiß, was ich alles geschafft habe.
Allerdings werde ich auch genauso schlecht gelaunt, wenn es mal einen Tag gibt, an dem ich nicht so viel schaffe. Selbst wenn ich es so geplant und einen schönen Tag verbracht habe, merke ich abends oft, dass ich unzufrieden bin. Manchmal weiß ich erst gar nicht genau warum, doch eigentlich ist immer mein schlechtes Gewissen der Grund. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich die Uni links liegen lassen habe und das obwohl bald wieder Prüfungen sind und obwohl es doch noch so viel zu tun gibt! Ich weiß ganz genau, dass das alles nicht an diesem einen Nachmittag hängt, dass ich wirklich genug für die Uni mache und dass man in diesem Studium eben auch nicht immer in allem Bestnoten bekommen kann. Auf der anderen Seite denke ich an Kommilitonen, die sich scheinbar alles war ein Prof jemals ausgesprochen hat direkt merken und von denen ich mich zu leicht einschüchtern lasse. Dann kommen kurz die ganzen Zweifel hoch, ob ich wirklich Medizinerin werden kann, ob mir einiges dafür nicht doch zu schwer fällt, wenn andere es anscheinend so viel besser hinbekommen, ob das Studium nicht doch nur ein unrealistischer Wunsch ist und ob ich jemals eine gute Ärztin werden kann. Gleichzeitig denke ich, was ich wohl werden soll, wenn ich nun doch keine Medizinerin bin. Ehrlicher Weise kann ich mir schon länger nichts anderes mehr vorstellen. Mir fällt keine Arbeit ein, die mich so glücklich machen und erfüllen könnte, das konnte noch nichtmal mein Dasein als Assistenz-Reitlehrerin.
Wenn ich bei letzterem Gedanken angeangt bin, dann komme ich meistens wieder zu dem Schluss, dass die Medizin doch richtig für mich ist. Das wichtigste ist doch die Leidenschaft für das Fach, alles andere kann man lernen. Selbst wenn es mal nicht im ersten Versuch klappt, heißt das nicht das ich schlecht bin. Das heißt bloß, dass dieses Studium halt kein Zuckerschlecken ist und dass es eine echte Herausforderung ist, die vielen Stunden am Schreibtisch und in den Hörsäalen mit einem Privatleben, das diesen Namen auch tatsächlich verdient, zu vereinen.
Das Studium und der spätere Beruf als Ärztin sind wie zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Wenn mir das Studium mal schwer fällt, hat das nichts darüber zu sagen, was für eine Ärztin ich mal werden kann. Erst recht nicht jetzt in der Vorklinik, wenn ich vor den Stukturformeln von Zuckern sitze, mir versuche die 13 Enzyme für diese eine biochemische Reaktion zu merken oder ich etwas planlos in meinem Histo-Präparat zwischen unendlich vielen rosa-pinken Zellen den einen Nervenstrang nicht finde. Kein Patient wird mich danach später mal fragen und niemand wird daran fest machen, ob ich eine gute Ärztin bin.
In der Vorlesung haben wir heute ein kurzes Video über eine Patientin mit einer Erkrankung passend zu unserem aktuellen Thema geschaut. Der Prof fasste die Aussagen des Videos danach kurz zusammen. Punkt zwei war "verständnisvoller Arzt". Der Hausarzt wusste lange nicht, was die Ursache für die Beschwerden der gezeigten Patientin waren, doch er war verständnisvoll und tat ihr Leiden nicht ab. "Das reicht schon, um ein guter Arzt zu sein", sagte unser Prof dann und darüber musste ich noch eine Weile nachdenken. Ich finde er hat Recht! Man kann nicht immer alles wissen und heraus finden, aber man kann für die Patienten da sein und sein Möglichstes tun. Wenn mich das mal zu einer guten Ärztin macht, dann bin ich zuversichtlich. :)


Übrigens hat das heute ausnahmsweise mal nichts mit dem Krebs zu tun. Vielleicht macht der mir manchmal noch ein extra schlechtes Gewissen, wenn ich weiß ich könnte rein körperlich jetzt noch produktiver sein und wenn ich daran denke, unter welchen Umständen ich während der Therapie gearbeitet habe. Vielleicht lässt er mich selbst auch noch ein kleines bisschen unsicherer sein über die Entscheidung für das Studium. Aber eigentlich hat er seine Finger hier nicht wirklich im Spiel.

2018/11/05

Weißer Kittel

In letzter Zeit sitze ich wirklich gerne in der Bib zum Lernen. Ich liebe die ruhige, konzentrierte Arbeitsatmosphäre, die trotzdem irgendwie so gemütlich ist. Ich bin kein Vor-der-Prüfung-in-der-Bib-Lerner, denn ab dem Punkt, wo ich mir alles schon einmal erarbeitet habe und es "nur noch" wiederholen muss, lerne ich sehr gut durch lautes Aufsagen und Selbstgespräche. Das würde in der Bib wohl nicht so gut kommen :D So lange ich aber noch genau in der Phase bin, in der es immer noch etwas Neues gibt, mag ich es hier sehr gerne.
Ich mag die leichten Hintergrundgeräusche - ein paar Schritte durch die Regale und auf den Treppen, eine entfernte Laptop-Tastatur, das Blättern der Seiten, ein leises Rascheln ... mich beruhigt das alles und ich hab es viel lieber als absolute Stille. Wenn das Herbstwetter sich draußen so richtig austobt, hört man ganz oben an meinen liebsten Plätzen direkt am Fenster sogar den Wind ums Gebäude pfeifen und den Regen ans Fenster klopfen. Dann ist es gleich noch ein Stückchen gemütlicher.
Wenn ich einen besonders guten Tag habe, gönne ich mir noch meinen neuen Lieblings-Kaffee (ja richtig, ich werde langsam groß und mag jetzt schon Kaffee, wenn auch mit sehr viel Milch) und genieße es, die heutige Vorlesung nachzubereiten, das nächste Praktikum vorzubereiten, im Anatomie-Atlas zu schmökern oder was eben gerade ansteht. Manchmal gönne ich mir auch eine kleine Pause und schreibe einen Blogeintrag oder so ;)
Während ich hier sitze und arbeite, fühle ich mich wohl. Ich merke, dass ich produktiv bin und etwas schaffe. Es passiert immer wieder, dass mich erst der Abendbrot-Hunger irgendwann spät nach hause treibt. Selbst die Anatomie, für die ich mich manchmal nur schwer begeistern kann, fällt mir hier fast leicht.
Ich mag aber auch die Abende, an denen ich zuhause mit der Kuscheldecke auf dem Sofa sitze und noch etwas für die Uni mache. Während des Semesters kommt mir sowas wie fernsehen oder Serie schauen immer viel zu banal vor, sodass ich selten ds Bedürfnis habe, mit dem Lernen mal aufzuhören. Es gibt immer irgendwas zu erledigen, doch auch wenn ich mir sicherlich trotzdem mehr freie Abende gönnen könnte, mag ich es einfach gerne, mir viel Zeit für die Uni zu nehmen.
Wenn ich mir überlege, was ich an einem Tag alles schaffen will, dann verkalkuliere ich mich häufig, denn ich brauche oft doch länger für ein Thema als ursprünglich gedacht. Ich will mir aber die Zeit nehmen, die ich brauche, um die Inhalte wirklich verstehen und nachvollziehen zu können. Nur so macht es doch erst Spaß und ist eben nicht nur stures auswendig Lernen.

Die neuen Inhalte faszinieren und begeistern mich immer wieder. Jeden Tag verstehe ich ein kleines bisschen mehr vom menschlichen Körper und den Mechanismen, die ihn funktionieren lassen. Gleichzeitig wird mir jeden Tag ein bisschen klarer, was ich alles nicht weiß und was auch bisher alles noch von niemanden rausgefunden wurde. Es gibt so vieles, das noch ein Geheimnis unseres Körpers ist. Ist das nicht aufregend und vielleicht sogar ein kleines bisschen magsich?
Die Medizin hat mich nach wie vor total in ihren Bann gezogen. Wenn ich tief in mich hinein horche, gibt es aber noch einen Grund mehr, weshalb ich gerne für die Uni lerne. Mit jedem kleinen Fakt, jedem anatomischen Begriff, jeder Signalkaskade, jeder chemischen Reaktion und jedem Krankheitbild mehr, dass ich kennen lerne, habe ich das Gefühl mich ein bisschen weiter vom krebskranken Kind zu entfernen. Mit jedem kleinen bisschen Wissen bewege ich mich ganz langsam immer weiter in Richtung der Ärztin, die ich irgendwann mal sein möchte. Ich habe mir die Rolle der Patientin nie ausgesucht, doch ich musste sie akzeptieren, annehmen und eine Zeit lang spielen. Die Rolle der Ärztin hingegen will ich unbedingt. Ich möchte irgendwann in erster Linie als Ärztin wahrgenommen werden, sowohl von denen, die mich neu kennen lernen, als auch von denen, die mich schon lange kennen und auch meinen Krebs miterlebt haben. Ich möchte reinwachsen in die Ärztin und ich wünsche mir so sehr, dass irgendwann alles von mir diese Rolle ausfüllt.
Manchmal, wenn ein Tag an der Uni vielleicht mal nicht so easy war, dann hole ich zuhause den schicken weißen Kittel aus der Schublade. Wie ein kleines Mädchen, dass sein schönstes Kleid bewundert, stelle ich mich dann damit vor den Spiegel, befestige mein Namensschild, hänge mir das Stethoskop um den Hals und stelle mir vor, wie es wohl als Ärztin sein wird. Ich träume ein bisschen herum und betrachte mich in dem weißen Kittel, der einen gleich viel schlauer und kompetenter aussehen lässt. Wahrscheinlich werde ich später als Ärtin gar nicht unbedingt im Kittel unterwegs sein, aber egal, er hilft zum Träumen und um das Ziel ganz deutlich vor Augen zu haben. Krebskranke Kinder tragen nämlich auch keine weißen Kittel, das machen nur die Ärzte und vielleicht noch die lieben Damen beim Fingerpieks. :)


2018/10/29

Nicht alles okay

Manchmal wäre ich einfach gerne für einen Tag ohne einen Tag ohne den Krebs. Ich würde gerne für einen Tag lang nicht ein einziges mal an ihn denken. Es ist okay, dass er immer mit dabei ist und mehr als einen kurzen Gedanken ist er meistens ja auch gar nicht wert. Häufig erinnert er mich sogar im Alltag daran, dankbarer und glücklicher zu sein. Meistens ist das also schon okay, dass er da ist, aber trotzdem wäre ich so gerne mal ohne ihn.

Mit jedem Tag, der seit der Therapiezeit vergeht, spielt der Krebs eine immer kleinere Rolle in meinem Leben und vor allem in meinem Alltag. Mit jedem Tag wird es noch unwichtiger, dass ich einmal Krebs hatte. Für nichts im Studium ist es von Bedeutung. Der Krebs hält mich nicht mehr von den Pferden fern. Ich bin wieder kräftig und es gibt keine Ausreden mehr, um bei schlechtem Wetter doch lieber zuhause zu bleiben anstatt nach draußen zum Joggen zu gehen. Der Krebs hat nirgends mehr einen direkten Einfluss darauf, wie ich lebe und was ich mache.
Trotzdem erinnert er immer wieder an sich. Wenn ich morgens im dunkeln auf dem Fahrrad sitze, auf dem Weg zur Uni bin und mir eigentlich nur mein warmes Bett zurück wünsche, dann erinnere ich mich daran, dass ich froh sein kann, auch bei schlechtem Wetter selbstständig unterwegs sein zu können und meinem Traumstudium nachgehen zu können. Wenn ich in der dritten Vorlesung sitze und mich sehr bemühen muss, damit mir nicht die Augen zu fallen und ich vielleicht sogar noch etwas mitnehmen kann von dem, was der Professor erzählt, dann versuche ich umso mehr mich anzustrengen und zu konzntrieren, wenn ich mich daran erinnere, was ich für diesen Studienplatz getan habe und wie ich vor wenigen Jahren niemals damit gerechnet hätte, heute hier in diesem Hörsaal zu sitzen. Wenn mir all die Menschen um mich herum mal zu viel werden und mir alles zu laut ist, dann versuche ich es trotzdem zu genießen, wenn ich daran denke, wie sehr ich diesen Trubel vermisst habe als ich monatelang alleine in meinem Zimmer saß. Wenn ich nachmittags nach hause komme und mich am liebsten für den Rest des Tages auf meinem Sofa verkriechen und meine Serie schauen würde, dann lasse ich es vielleicht doch lieber bleiben, wenn ich überlege wie viele Nachmittage ich schon genau so verbracht habe. Wenn ich keine Motivation finde, um mich an die Nacharbeitung der Vorlesungen oder die Vorbereitung der Seminare und Praktika zu setzen, dann fange ich vielleicht doch an, wenn ich mich erinnere, dass ich die Chance nutzen sollte, nicht komplett auf mich allein gestellt zu sein mit all dem Stoff, den ich lernen muss. Es ist nicht selbstverständlich, in der Uni täglich Leute zum Austausch und für Nachfragen zu treffen. Genauso lasse ich keinen Tag die Möglichkeit aus zu den Pferden zu fahren, auch wenn das Wetter kalt und eklig ist und die Wolldecke und der warme Tee sehr verlockend sind, weil ich weiß wie viel ich für nur einen Tag im Stall bei egal welchem Wetter getan hätte, als ich krank war.
Immer wieder motiviert mich der Krebs und er bringt mich häufig dazu, einen positiveren Blick auf vieles zu werfen. Er erleichtert mir damit häufig den Alltag, denn wenn man es schafft sich über die banalen, vielleicht auch anstrengenden Aufgaben und Herausforderungen zu freuen, gehen sie gleich leichter von der Hand.

Manchmal habe ich aber auch Tage, an denen ich einfach nicht so gut drauf bin. Jeder kennt das doch, dass man mal nicht 100% geben kann. Vielleicht ist man einfach etwas müde, das Wetter schlägt einem auf die Laune, das Essen hat nicht gut geschmeckt, das bestellte Paket wird erst später geliefert, die geplante Verabredung fällt ins Wasser oder alles gleichzeitig und man ist für einen Tag eben mal unkonzentriert und weniger produktiv. Ich weiß, dass das total okay und nur normal ist. Jeder von uns ist immer noch nur ein Mensch. Es gibt kein Patentrezept, mit dem man jeden Tag zu einem super produktiven und wunderbaren Tag machen kann und es wäre eine Illusion zu denken, man könnte jeden einzelnen Abend rundum glücklich ins Bett steigen, zufrieden und überzeugt von jeder Tat des Tages.
An solchen Tagen, an denen ich also sowieso schon ein bisschen mit mir hardere, rettet der Krebs auch nicht mehr. Ganz im Gegenteil - er macht mich häufig noch unzufriedener. Seine täglichen Erinnerungen, glücklich über viele Kleinigkeiten zu sein, greifen an diesen Tagen nicht. Ich kann mich dann nicht über die kalten Finger beim Fahrradfahren freuen und auch nicht über das Vorlesungsthema heute, das doch eigentlich ganz spannend klingt. Egal, wie oft der Krebs mir versucht einzutrichtern, dass ich mich doch freuen muss, weil das alles nicht selbstverständlich ist und ich mich mur glücklich schätzen kann, über all die Möglichkeiten, die ich täglich habe.

Der Krebs gibt mir an solchen Tagen häufig das Gefühl, undankbar zu sein. Einfach nur, weil ich weiß, dass ich an diesem Tag nicht dankbar bin für Dinge, für die ich gestern dankbar war und morgen wieder dankbar bin. Der Krebs gibt mir das Gefühl, dass ich es ihm schuldig bin, jetzt glücklich zu sein. Ich fühle mich, als müsste ich glücklich sein, weil ich erfahren haben wie viel schlimmer alles sein kann und es ein riesiges Geschenk ist, dass es mir heute so gut geht. An solchen Tagen gibt mir der Krebs das Gefühl, dieses Geschenk nicht genügend zu achten und wertzuschätzen.
Natürlich zieht das meine Laune nur noch mehr runter und auch darüber ärgere ich mich dann wieder.

Dann wünschte ich mir, ich könnte für einen Tag lang mal ohne den Krebs sein. Ohne seine ständigen Erinnerungen daran, wie wertvoll das Leben ist, in allen Momenten. Meistens sind diese Erinnerungen toll, doch an diesen Tagen üben sie einen Druck aus. Ich möchte keinen meiner wertvollen Tage verschwenden und trotzdem weiß ich doch, dass nicht jeder Tag außergewöhnlich sein kann. Ich will meine zweite Chance voll und ganz ausnutzen, und gleichzeitig ist mir so klar, dass man nicht jeden Tag Vollgas geben kann. Dass ich das trotzdem häufig versuche, weiß ich auch.
Ich weiß aber auch, dass ich niemanden etwas schuldig bin, nicht einmal dem Krebs. Auch ein Tag auf dem Sofa ist nicht verloren oder umsonst, wenn ich genau so einen Tag gerade brauche. Der Wert des Lebens und die Werschätzung machen sich doch nicht daran fest, wie fleißig und erfolgreich ich bin. Das Leben macht aus, dass es solche und solche Tage gibt und dass man sie alles voll und ganz auslebt, dass man launisch ist und eben nicht jeder Tag schnurgerade verläuft. Das Leben ist bunt, manchmal knallig und manchmal eher dunkelgrau. Manchmal fühlen sich Tage wie Sekunden an und ein anderes Mal werden die Minuten zu Stunden und die Zeit scheint nicht zu vergehen. Es gibt Momente in denen man zweifelt und es gibt Momente in denen man nichts für unmöglich hält. Manchmal ist man überrascht vom Glück und manchmal auch enttäuscht von der Realität. Das alles gehört zum Leben dazu und sowohl die guten als auch die weniger guten Dinge machen es doch aufregend und schätzenswert.

Nichts davon kann man wirklich ändern, man kann höchstens versuchen das alles so anzunehmen, wie es ist. Deshalb bringt es nichts, wenn ich mir einen Tag ohne den Krebs wünsche. Er ist nunmal da und ich brauche nicht dem Gedanken hinterher zu hängen, wie es einen Tag lang ohne ihn wäre. Vielleicht gäbe es dann ganz andere Dinge, die mich ständig verfolgen oder auch mal ausbremsen würden. Es ist schon okay so wie es ist und es ist auch okay, wenn manchmal eben nicht alles okay ist. Das ist das Leben und genau so ist es doch lebenswert.


2018/10/23

Sich schämen

[Edit: Der Post ist eigentlich schon etwas älter, aber ich hab ihn wohl nur gespeichert und nicht veröffentlicht ... aber besser spät als nie :D]

Man sollte meinen nach all den Malen, die ich es schon mitgemacht habe, sollte es mir nicht mehr unangenehm sein mich vor Ärzten auszuziehen und mich untersuchen zu lassen. Man sollte meinen es wäre mittlerweile normal für mich und ich fände nichts dabei.Man sollte meinen, es sollte mir nicht unangenehm sein, wenn wir Studenten uns im Untersuchungskurs gegenseitig untersuchen um die Methoden zu erlernen.
Man sollte meinen, dass sich dieser Scham, den ich immer wieder empfinde, rational weg erklären lässt und durch die häufigen Wiederholungen nachlässt. Gerade für mich, die ich doch beruflich in die Medizin gehen will und die ich versuche eine professionelle Haltung gegenüber Patienten einzunehmen, sollte sowas doch nicht unangenehm sein.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich sehr schwer damit tue mich völlig schamlos zu entkleiden. Manchmal tue ich mich auch schwer darin, über bestimmte Dinge zu reden. Plötzlich fühle ich mich ausgeliefert und schutzlos dem Urteil meines Arztes gegenüber. Obwohl ich weiß, dass dieser nur das Beste für mich will, fühle ich mich sehr verletzlich und habe häufig das Gefühl, manches lieber für mich behalten zu wollen.
Es gibt genug Dinge an mir, für die ich mich in irgendeiner Weide schäme.
Zum einen sind das natürlich körperliche Aspekte, ich denke das kennt jeder. Unter der Therapie hatte ich besonders damit zu kämpfen zu akzeptieren, wie sehr der Körper sich verändert. Ich habe mich teilweise kaum wieder erkannt und habe mich für mein Aussehen geschämt. Es war egal, dass ich mir versuchte klar zu machen, dass ich nichts dafür konnte und es Nebenwirkungen der Medikamente sind. Kein Arzt hätte wohl jemals angemerkt, dass ich ja doch ziemlich zugenommen habe, mein Bauch ganz schön dick geworden ist, die Hose doch ein bisschen eng ist mittlerweile, die Haare ziemlich hässlich halb ausgefallen sind und das Gesicht aufgequollen ist. Trotzdem schämte ich mich. Auch nach der Therapie war ich lange Zeit sehr unzufrieden mit mir. Ich habe Dehnungsstreifen auf dem Rücken, bis heute noch leichte Abdrücke von den Pflastern auf der Haut, viele kleine Narben und Flecken. Ich war nie wieder so schlank wie vor der Therapie. Ich wollte es mir nicht eingestehen, doch die körperlichen Veränderungen nagten lange mehr an mir als ich es eigentlich zulassen wollte. Wenn ich kurz vergas, wie ich aussah, konnte ich viel selbstbewusster sein. Wenn ich mich dann zwischendurch erinnerte, dass mein Äußeres nicht mehr der Vorstellung in meinem Kopf entsprach, dann erschrak ich manchmal fast darüber, dass ich trotzdem eben so mutig und selbstbewusst war.
Man kann sich nicht nur für Äußerlichkeiten schämen. Ich habe mich so manches Mal auch schon für meine Gedanken und Gefühle geschämt und lieber nicht davon erzählt, weil ich sie zu hässlich fand. Sie passten nicht in das Bild, das ich von mir zeigen wollte.

Jeder Mensch hat doch bestimmte Sachen an sich, mit denen er unzufrieden ist. Man gewöhnt sich vielleicht mit der Zeit an sie uns akzeptiert sie so, wie sie sind, aber stolz ist man trotzdem nicht darauf. Es gibt immer intime Bereiche, die man ungern entblößt.
Natürlich ist es trotzdem notwendig, seinem Arzt ein vollständiges Bild von sich zu zeigen. Zusammen mit der Anamnese ist die körperliche Untersuchung das wichtigste Werkzeug und die wichtigste Informationsquelle des Arztes. Man sollte dankbar sein um jeden Arzt, der sich die Zeit eines ausführlichen Gespräches und einer gründlichen körperlichen Untersuchung nimmt.

Trotzdem mag ich einiges davon nach wie vor nicht gerne haben. Es kostet mich bei einigen Fragen immer noch Überwindung, ganz ehrlich zu antworten und nicht auszuweichen. Ich mag das Gefühl nicht, wenn mir dabei zugeschaut wird, wie ich mich ausziehe. Ich mag es nicht auf der Liege zu liegen und zu warten, dass es los geht. Ich mag es nicht, wenn ich dort liege und der Arzt über mir steht. Ich mag es an einigen Stellen nicht gerne abgetastet oder nur angeguckt zu werden. Ich schäme mich und fühle mich unwohl, obwohl ich so genau weiß, dass ich keinen Grund dazu habe. Ich weiß auch, dass das alles wichtig ist, sein muss und gar nicht weh tut. Trotzdem ist es mir unangenehm.

Lange Zeit dachte ich, ich würde mich anstellen und wäre allein damit, dass mir einiges eben unangenehm ist. Die Ärzte gehen so selbstverständlich mit ihren Fragen und Untersuchungen um, dass ich immer dachte, es sei für alle anderen Patienten genauso selbstverständlich, nur für mich wohl nicht. Worüber ich nicht nachgedacht habe ist, dass es für den Arzt der Arbeitsalltag ist und es nicht um seinen eigenen Körper geht. Für den Patienten geht es aber um sich selbst und der Patient macht das auch alles nicht täglich mehrmals. 

Ich glaube, dass es wichtig ist, sich genau an dieses teilweise unangenehme Gefühl zu erinnern, wenn man als Arzt mit Patienten umgeht. Der Patient ist nicht jeden Tag beim Arzt. Er ist nur heute da und vielleicht geht es ihm sogar schlecht. Er befindet sich in einer Zwickmühle, denn er ist auf die Hilfe des Arztes angewiesen, obwohl ihn die Untersuchungen und vielleicht auch einige Fragen unangenehm sind. Er weiß aber, dass er mitmachen muss, wenn ihm gut geholfen werden soll. Der Patient hat keine Wahl und muss sich seinem Scham und Unwohlsein stellen.
Ich hoffe, ich kann sensibel dafür bleiben und werde nicht irgendwann aus Routine vergessen, dass meine Routinen als Ärztin nicht die des Patienten sind und dass es meinem Patienten um seine Gesundheit geht, dem größten Gut das er hat, während es um für mich "nur" um meine Arbeit geht. Ich hoffe ich werde lernen, wie sich meine Patienten trotzdem möglichst wohl fühlen können, auch wenn sich das letzte bisschen Scham wohl nie vermeiden lässt.

Die bessere Freundin

Im letzten Post habe ich ja schon ein bisschen über die Schwierigkeiten geschrieben, die sich ergeben können wenn von zwei Menschen der eine plötzlich lebensbedrohlich erkrankt ist. Berührungsängst und Unsicherheiten sind aber nicht die einzigen Probleme, die es geben kann.

Nach einer Weile haben sich alle an den Krebs gewöhnt oder sich zumindest damit arrangiert. Die Mitmenschen, die nicht damit umgehen können, haben vermutlich etwas Abstand genommen und auch das ist okay. Jetzt geht es darum die Therapie-Zeit zu überstehen und gesund zu werden! Natürlich wollen die meisten Freunde und auch die Familie einen unterstützen und helfen, wo es nur geht. Selbst zuerst noch fremde Menschen wollen manchmal etwas für einen tun, um die Situation etwas zu erleichtern. Mir persönlich fiel es immer super schwer, Hilfe anzunehmen.  Manchmal war ich aber darauf angewiesen und es erleichterte mir vieles, dass meine Freunde so für mich da waren. Sie waren immer verständnisvoll und nahmen Rücksicht auf mich, auch wenn es mir mal kurzfristig schlecht ging und ich etwas absagen oder änder musste. Zu einigen von ihnen wurde die Beziehung in dieser Zeit enger als zuvor.

Irgendwann ging es mir endlich besser. Die Hilfe von Freunden und Familie wurde immer weniger, denn ich konnte mir meistens wieder selbst ganz gut helfen und war lange nicht mehr so eingeschränkt.
Die Beziehung zu den meisten meiner Freunde "normalisierte" sich wieder, falls man das so nennen kann. Eins blieb aber: ich fühlte mich nun in ihrer Schuld und versuchte auszugleichen, was sie alle für mich getan hatten. Ich wollte ihnen helfen, für sie so da sein, wie sie es für mich gewesen waren. Ich wollte mich revangieren und fühlte mich manchmal richtig schlecht, weil ich das Gefühl hatte ich würde nie genug zurück geben können.

Eine Zeit lang hat mir das ein ganz merkwürdiges Gefühl gegeben, wenn ich mit meinen Freunden zusammen war. Mittlerweile denke ich, dass ich nicht mehr tun kann als ihnen einfach die Freundin zu sein, die ich schon früher für sie für die sie all das getan haben. Ich will sensibel sein und für die da sein, sollten sie meine Hilfe mal benötigen. Ich brauche aber nichts gut machen und für ihre Leistungen eine direkte Gegenleistung bringen. In der Freundschaft läuft das so nicht, da muss man nicht immer alles direkt gegeneinander aufwiegen. Vielleicht hat es ihnen sogar auch gut getan, wenn sie wussten, dass sie mir etwas Gutes tun konnten. Ich brauche nicht denken, dass ich ihnen etwas schuldig wäre. Das einzige, was ich ihnen schuldig bin, ist ihnen auch eine Freundin zu sein.

Ich bin froh, dass ich mir das Schuld-Gefühl mittlerweile abgewöhnt habe. Immer wieder merke ich, dass die besten Freundschaften doch die sind, für die man sich nicht extra bemühen muss, sondern die einfach so bestehen, weil sie so gut sind, das jeder schon genug daraus profitiert <3

2018/10/19

Fremder

Mit einer Krebsdiagnose verändert sich plötzlich alles im Leben. Was sich auch mit einem Schlag verändert, sind die Beziehungen zu den Mitmenschen. Ausnahmslos jede Beziehung verändert sich, weil plötzlich immer noch jemand drittes dabei ist - der Krebs. Mit manchen Menschen kann man zwischendurch vielleicht sogar mal vergessen, dass es da ist, aber wirklich weg ist er trotzdem nie.
Einige Beziehungen halten das nicht aus und der Krebs schafft plötzlich so eine große Distanz und Unsicherheit, dass man sich plötzlich fremd wird. Manche Beziehungen verändern sich weniger, manche mehr. Manche Beziehungen bleiben bestehen und wenn sie sich erstmal mit dem Krebs arrangiert haben, können sie vielleicht noch enger und tiefer werden als je zuvor. Erst einmal schafft der Krebs aber Distanz in jeder Beziehung, denn er bringt einen in Situationen, in denen man noch nie zuvor war.

Plötzlich ist da diese Diagnose, mit der niemand so richtig umzugehen weiß. Keiner der Freunde, keiner in der Familie weiß plötzlich mehr, wie man einander begegnen soll. Auch der Erkrankte weiß nicht, wie er mit dieser Diagnose eigentlich umgehen soll und was das alles nun für ihn persönlich bedeutet. Auf einmal ist in jeder Begegnung eine Unsicherheit und selbst die engsten Menschen erscheinen einem etwas fremd, weil jeder denkt er müsste sich jetzt anders verhalten als man es gewohnt ist. Vielleicht versucht man es zu überspielen und möglichst so zu sein, wie immer. Und trotzdem ist es ab dem Moment der Diagnose nie wieder genau so wie vorher.
Es gibt jetzt kein vorher mehr. Der Krebs wird nie wieder ganz verschwunden sein, selbst wenn er geheilt ist. In den Köpfen derer, die ihn mit erlebt haben, wird es ihn immer geben, egal ob selbst erkrankt oder begleitend.
Wenn man in Erinnerungen schwelgt und dieses eine Jahr streift, in dem sich alles geändert hat. Wenn man erzählt, wie die Woche war und von der Kontroll-Untersuchung berichtet. Wenn man diskutiert, ob man sich nicht mal die Haare schneiden sollte und sich versucht sich gegenseitig mit anderen Frisuren vorzustellen. Wenn dieses eine Lied läuft, das einen so an diesen einen Sommer erinnert, der so anders war als all die anderen. Wenn es um Bekannte geht, die gerade krank sind oder denen es nicht gut geht. Wenn es um Dinge geht, die man anders erlebt hat als die anderen. Wenn man beim Vortrinken mit der Cola in der Hand dabei sitzt. Ständig gibt es Dinge, die daran erinnern könnten, dass es diese Zeit gab, in der alles anders war als vorher.

Manchmal habe ich das Gefühl, man muss nach einer Krebsdiagnose das Leben erst neu lernen. Man muss erstmal selbst herausfinden, wer man selbst ist und was der Krebs ist. Man muss sich neu kennen lernen mit dem Krebs und die Distanz zu ihm verlieren. Erst wenn man das geschafft hat, können auch andere einen so sehen, wie man mit dem Krebs nun eben ist. Man kann sich wieder näher kommen, vielleicht sogar näher als je zuvor wenn man sich nur darauf einlässt. Die anderen können sich genauso daran gewöhnen wie man selbst. Irgendwann gibt es dann auch wieder ein normal und irgendwann spielt der Krebs vielleicht auch in der neuen Normalität nicht mehr so eine große Rolle.
Manche Beziehungen entstehen vielleicht auch gerade durch den Krebs, denn das was die Distanz zu vielen Menschen bringt, rückt einen gleichzeitig näher an neue Menschen heran.

Wenn von krebskranken Jugendlichen erzählt wird, dann assoziiert jeder Chemotherapien, Übelkeit, Haarausfall, wahrscheinlich auch viel Leid. Die wenigsten werden sich darüber Gedanken machen, was für eine Macht der Krebs über das Miteinander und auch über noch viele, viele andere Bereiche des Lebens hat. Der Krebs ist in vielen Ecken, wo ihn auch eine Chemotherapie nicht erreichen kann und wo kein Chirurg ihn entfernen könnte. Ab dem Moment der Diagnose ist er einfach da. Niemand konnte sich darauf vorbereiten und niemand weiß so recht, wie es damit nun weiter geht. Das ist auch total okay und nur menschlich. Und trotzdem gibt es doch eigentlich keinen Grund zur Ängstlichkeit im Umgang. Der Krebs ist vielleicht ab sofort mit dabei, aber Du und ich, wir sind es auch und wir sind immer noch wir. Es gibt eigentlich gar keinen Grund plötzlich zu fremdeln. Der einzig Fremde ist doch der Krebs.

Deshalb noch eine Bitte von mir, die ich am Anfang wohl einigen gerne mitgegeben hätte: Seht mich noch, wenn ihr mich anschaut. Denkt noch an mich, wenn ihr an uns denkt. Lasst euch nich täuschen vom Krebs. Ich bin immer noch da, auch wenn der Krebs es ab jetzt auch ist, aber in mir steckt immer noch die gleiche Person, die ihr so gut kennt und die euch gar nicht fremd ist. Irgendwo neben dem Krebs, da bin noch ich und ihr könnt so mit mir sein, wie immer. Wir lernen einfach zusammen, was der Krebs für uns bedeutet und wie wir auch mit ihm einfach nur wir sein können. Der Krebs gehört ab jetzt zu mir, aber er ist nicht ich.

2018/10/08

Drittie

Heute bin ich nun wieder ins Studium gestartet und es fühlt sich gleich am ersten Tag schon wieder so wunderbar normal und alltäglich an. Ich hatte wirklich etwas Bedenken, ich könnte das Studieren in der Zwischenzeit vielleicht verlernt haben. Das letzte Mal saß ich immerhin vor 3 Monaten in einem Hörsaal ... aber ich habe mich einfach nur total gefreut so viele Personen endlich wieder zu sehen, die Geschichten darüber zu hören, was sie im Sommer erlebt haben und sogar die Vorlesungen waren heute gar nicht mal so ermüdend wie sonst manchmal.
Unser neues Thema ist der Stoffwechsel in Verbindung mit der Anatomie des Abdomens. Einerseits freue ich mich sehr auf dieses Modul und glaube, dass es wirkich spannend ist. Andererseits habe ich auch großen Respekt vor einigen Inhalten, aber das wird schon alles werden :)
Langsam aber sicher geht es schon auf die erste große Prüfung zu, die in unserem Modellstudiengang zusammen mit den Klausurergebnissen des 1.-5. Semesters das Äquivalent zum Physikum darstellt. Am Ende dieses Semesters erwartete uns diese Prüfung schon! Es wird sicherlich ein arbeitsreiches Jahr, doch ich freu mich wirklich drauf!

Die letzte Woche war noch einmal wunderbar entspannend und ich konnte meine "Herbstferien" noch einmal gut ausnutzen um Kraft zu sammeln. Die letzte Woche im Praktikum hat mich doch ziemlich angestrengt, daher tat es mir sehr gut jetzt viel schlafen zu können und auch mal einfach im Bett zu liegen und zu lesen oder Serien zu schauen. Über das Lesen habe ich mich besonders gefreut. Ich lese eigentlich gerne, aber nur wenn ich die Ruhe dazu habe. Meistens komme ich auch in der freien Zeit im Ferienhaus bei den Pferden gar nicht dazu, doch diese Woche hab ich immerhin zwei Bücher durch bekommen und war seit langem mal wieder so richtig gefesselt! :)
Man merkt deutlich, dass es keinen Ponyhof mehr gibt. Es ist sehr viel ruhiger und es bleibt mir mehr Zeit für andere Dinge. Vor ein paar Jahren wäre ich darüber vielleicht traurig gewesen, doch ich muss ehrlich sagen, dass es mir mittlerweile ganz lieb ist. Die Pferde sind mir immer noch ungemein wichtig und wenn ich nicht aufpasse oder auch nicht aufpassen möchte, verbringen ich ohne Probleme den ganzen Tag am Stall. Aber es ist auch mal schön noch mehr Zeit übrig zu haben, ohne dabei das Gefühl zu haben man müsste sich selbst beschränken.
Jedenfalls bin ich sehr glücklich mit allem, wie es ist. Ich habe einige Zeit in zwei kleine Projekte von mir investiert. Das eine ist ein Foto-Album und Tagebuch, das ich endlich fertig gebastelt habe. Zum anderen Projektchen schreibe ich vielleicht an anderer Stelle nochmal mehr, mal schauen ...

Obwohl mir diese Woche wirklich gut getan hat, habe ich gleichzeitig mal wieder gemerkt, dass ich wieder etwas zu tun brauche. Die Ruhe und viele Freiezit tut mir auf Dauer nicht nur gut. Manchmal rutsche ich dann so eine Gleichgültigkeit rein, wenn zu wenig um mich herum passiert. Natürlich darf man das nicht nur verdrängen, aber Ablenkung ist da trotzdem eine wichtige Sache würde ich behaupten, denn es gibt ganz sicher keinen Grund, um Trübsal zu blasen. Umso mehr bin ich darüber froh, dass die Uni mich nun schon ab dem ersten Tag wieder ziemlich im Griff hat und ich all meine Energie (und eigentlich auch noch etwas mehr) dort reinstecken kann und muss.

2018/09/30

Überwiegend Medizin-Studentin

Morgen ist ein spannender Tag für alle neuen Medizin-Erstis in Hamburg, denn die Orientierungseinheit startet. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie aufgeregt und nervös ich im letzten Jahr war. Ich wusste nicht wirklich, was auf mich zu kommt. Um ehrlich zu sein hatte ich mir aber auch gar nicht so viele Gedanken gemacht (eigentlich sehr untypisch für mich ...). Ich hatte mich viel lieber einfach nur auf alles was wohl kommt gefreut.
Ich bereue kein bisschen, mich nicht inhaltlich auf das Studium vorbereitet zu haben. Ich glaube nicht, dass es mir irgendetwas gebracht oder erleichtert hätte, hätte ich mir schon vorher Lehrbücher angeschafft etc. Ganz im Gegenteil, ich hätte noch gar nicht gewusst, was ich gut gebrauchen kann ...
So naiv wie ich sind die meisten glaube ich nicht ins Studium gestartet, doch gerade die zweiwöchige Orientierungseinheit hat einen wirklich gut vorbereitet und dank der besten OE-Tutorin blieben auch danach keine Fragen offen! Ich hätte nicht gedacht, dass sich so um die neuen Erstis gekümmert wird und einem der Einstieg dadurch so einfach wie möglich gemacht wird.

Mit dem Kennenlernen der ganzen neuen Kommilitonen hat mich lange die Frage begleitet, wann und wem ich vom Krebs erzähle. Ich habe mir unglaublich viele Gedanken darum gemacht und hab lange Zeit immer nur weiter überlegt und nichts gesagt. Doch ich wurde unglücklich damit und hab schließlich meinen besten Uni-Freunden vom Krebs erzählt. Es war keine große Sache, doch für mich fühlte es sich wie eine Befreiung an. Ich musste mich nicht mehr in manchen Situationen hinter einem Schweigen verstecken und ich musste mir den ein oder anderen Kommentar nicht mehr verkneifen. Ab dem Tag habe ich mich nochmal ein ganzes Stück wohler gefühlt an der Uni.
Trotzdem weiß es noch nicht jeder dort und das wird auch so bleiben. Ich mache kein Geheimnis darum, aber ich brauch mich auch nicht jedem ungefragt erklären. Wenn das Thema darauf kommt, dann ist das okay. Wenn nicht, dann ist das auch okay. Wichtig war mir, dass meine engsten Menschen auch diesen Teil von mir kennen!

In den letzten vier Wochen habe ich im Praktikum sehr viele neue Leute kennen gelernt. In den ersten Tagen ist man gefühlt pausenlos dabei, sich vorzustellen. Auch dieses Mal habe ich mich natürlich nicht direkt mit dem Krebs vorgestellt, denn darum ging es ja gar nicht. Mit einer Person habe ich mal darüber gesprochen, weil es sich so ergeben hat. Mit dem Rest nicht, und trotzdem hatte ich in keiner Situation das Gefühl etwas zu verstecken. Anders als noch letztes Jahr zu Beginn des Studiums hatte ich jetzt nicht mehr das Gefühl, dass der Krebs in meinem Leben so wichtig ist als dass die Menschen, die mit mir zu tun haben davon wissen müssten. Ganz im Gegenteil, ich fand es sehr schön "ungeschont" alles mitzumachen, egal ob es dabei auch um einen Onko-Patienten ging oder nicht.
Ich glaube auch nicht, dass es mir in diesem Falle anders gehen würde, würde mein Praktikum noch länger gehen. Ich hab mich weiter entwickelt im letzten Jahr und der Krebs ist ein Jahr länger her. Ich habe mehr und mehr meinen Frieden mit ihm geschlossen und auch wenn er immer noch ein Teil von mir ist, bin ich zu einem größeren Teil Medizin-Studentin und als solche stelle ich mich auch vor :))

2018/09/29

Practical Knowledge

Es gibt Dinge im Leben, die unglaublich wertvoll sind, aber die man trotzdem niemals mit Geld bezahlen kann. Die Liste dieser Dinge ist wahrscheinlich sogar unendlich lang, aber worauf ich gerade hinaus möchte, sind die Erfahrungen.

Während der letzten vier Wochen habe ich ein Praktikum gemacht, welches ich mir vermutlich nirgendwo für mein Studium anrechnen kann. Ich finde es so schade, dass unter Studierenden die Praktika, Famulaturen etc. die geleistet werden müssen häufig als anstrengend, langweilig, viel zu viel oder unnötig angesehen werden. Gerade die drei Monate Pflegepraktikum kommen bei vielen nicht gut weg, was ich wirklich traurig finde.
Ich habe mein "unnötiges" Praktikum auch in der Pflege gemacht und ich bin super froh darüber, es gemacht zu haben! Ich würde immer wieder so entscheiden und mich hüten zu behaupten, es wäre die Zeit nicht wert gewesen. Ich finde gerade Praktika sind etwas, was einen sehr weiter bringen kann. Man wird konfrontiert mit den Bereichen, in denen man später mal arbeiten will. Man hat die Möglichkeit vieles mitzubekommen, selber zu machen und auszuprobieren, ohne dass man dabei viele Pflichten oder viel Verantwortung trägt. Ich finde es selbstverständlich, dass man der Abteilung, in der man das Praktikum leistet, auch etwas unter die Arme greift. Bisher wurde mir dafür auch immer gedankt, indem ich im Gegenzug viele spannende Sachen sehen durfte, mir meine Arbeitszeiten ein Stück weit selbst einteilen durfte o.ä.
Ich finde gerade das Pflegepraktikum super wichtig, um dieses irre System der Gesundheitsversorgung nicht von Anfang an nur aus einer Perspektive zu betrachten. Ich denke es wird so oder so schwer genug, sich daran auch später noch zu erinnern, aber ohne das Zusammenspiel der verschiedenen Fächer würde einfach nichts funktionieren, daher ist es essentiell die Arbeit der anderen zu kennen und zu schätzen.
Entgegen vieler meiner Kommilitonen finde ich fast, es müsse noch mehr Monate verpflichtende Praktika und Famulaturen geben, denn keine Vorlesung und kein Seminat kann so eindrücklich vermitteln, wie der Alltag in der Klinik oder auch in der Praxis abläuft. Nichts kann die Erfahrungen ersetzen, die man sammeln kann, wenn man einfach für eine Weile mit denen mitläuft, die in den Jobs arbeiten, die man selbst später gerne mal hätte oder mit denen man eng zusammen arbeiten will.

Ich bin wirklich glücklich über meine letzten vier Wochen. Dieses Praktikum hat mich, genau wie die vorherigen Praktika auch, noch mehr bestärkt und motiviert, diesen Weg zu gehen und dieses Studium irgendwie zu meistern. Ich konnte so vieles Lernen, Eindrücke und auch Gefühle sammeln. Ich hab tolle Menschen und Persönlichkeiten kennen gelernt. Ich hätte nie gedacht, dass man sich nach nur 4 Wochen schon so wohl in einem Team fühlen kann und der Abschied schon wieder schwer fällt. Dieses Praktikum war alles anders als unnötig, sondern genau das, was ich gebraucht habe um jetzt weiter zu träumen und hart zu arbeiten :))

Ein ganz besonderer Dank nochmal an dieser Stelle an meine Lieblings-Kollegin. Unser Gespräch im Frühdienst bedeutet mir viel und ich werde mich wohl noch häufig daran erinnern. Selten war ich mit jemanden so schnell so eng vertraut, obwohl wir offensichtlich sehr verschieden sind. Es tut unendlich gut, Deine Unterstützung zu fühlen und zu wissen, dass Du mich in so vielen Dingen verstehst. <3

2018/09/22

Krebslose Geschichte

Heute soll es darum gehen, warum ich manchmal sogar froh über den Krebs bin.

Wenn ich mich hin und wieder frage, was ich wohl machen würde, wenn ich die Zeit zurück drehen und mir aussuchen könnte ob ich erkranke oder nicht, werde ich tatsächlich etwas unsicher. Natürlich will man keinen Krebs haben. Auch ich will das nicht. Ich hätte gut auf sehr, sehr vieles verzichten können.
Allerdings wäre mein Leben ab diesem Zeitpunkt einfach komplett anders verlaufen. Ich hätte die 10. Klasse wahrscheinlich ganz normal beendet. Ich wäre dabei gewesen beim Einstieg in die Oberstufe und hätte meine zwei Jahre ganz regulär und ohne irgendwelche Ausnahmen, Sonderregelungen etc durchlaufen. Ich hätte am Ende mein Abi in der Hand gehalten, womöglich mit einem anderem Notendurchschnitt (wobei ich eher denke, dass dieser etwas schlechter geworden wäre). Ich hätte trotzdem ein Jahr nach dem Abi ausgesetzt, aber ich wäre wohl nicht auf die Idee gekommen, in einem Krankenhaus ein Praktikum zu machen. Ich hätte mich wahrscheinlich auf einen Lehramtsstudienplatz beworben, womöglich für Bio und Geo oder auch für andere Fächer. Dann wäre ich im Oktober 2017 in mein Studium gestartet, wahrscheinlich sogar auch in Hamburg, aber eben direkt auf dem Uni-Campus und nicht am UKE. Ich müsste jetzt in den Semesterferien vermutlich Hausarbeiten schreiben, vielleich ein erstes Praktikum in einer Schule machen und jetzt so langsam meinen Stundenplan für das nächste Semester selber planen. Mein Pony würde wahrscheinlich gar nicht mir gehören und einige Freundschaften und viele Bekanntschaften hätte ich nicht. Dafür würde ich aber wohl andere Menschen kennen gelernt haben.
Ich finde eigentlich, auch das alles hört sich nach einem ganz guten Leben an, keine Frage! Aber ich bezweifle, dass mich das Lehramtsstudium so faszinieren und mitreißen würde. Ich bezweifle, dass es mich dazu bringen würde so gerne so viel dafür zu tun, wie ich es jetzt für die Medizin tue. Ich bezweifle, dass ich mit der gleichen Motivation zu Vorlesungen und Seminaren gehen würde. Ich bin nicht sicher, ob ich genauso glücklich wäre, wie jetzt.

Im Moment merke ich im Praktikum in der Notaufnahme täglich, wie gerne ich sogar früh morgens zum Frühdienst aufstehe und in die Klinik fahre. Ich mag mittlerweile den Geruch von Desinfektionsmitteln fast schon gerne und fühle mich sehr wohl im Kasak. Ich mag es, den Patienten zuzuhören, wenn sie erzählen warum sie kommen und was ihre Vorgeschichte ist. Ich mag den Smalltalk beim ersten Durchmessen und ich mag es auch, sie bestmöglich zu beruhigen, wenn sie etwas aufgeregt und besorgt sind. Ich mag es, dass es mir nicht peinlich ist, auf kleine Kinder zuzugehen, mit ihnen herum zu spaßen und ihnen somit hoffentlich ein bisschen die Angst und die Schüchternheit zu nehmen.
Ich mag es, wenn ich bei den Blutentnahmen helfen und anschließend die Proben weiter schicken oder selbst schnell auswerten kann. Ich mag es, dann schonmal einen Blick auf die Werte zu werfen, mir selbst zu überlegen wie ich diese einschätzen würde und anschließend zu hören, was der Arzt dazu meint. Ich bin sehr gerne bei Untersucheungen und Behandlungen dabei, einfach weil jeder da doch ein bisschen seinen eigenen Stil hat und es toll ist mit anzusehen, wie verschiedene Ärzte es machen und auch was sie bei welchen Beschwerden, Verletzungen oder Krankheitsbildern machen. Ich finde es toll mitzubekommen, wie Entscheidungen getroffen werden und zu merken, wie in jeder Situation verantwortungsvoll abgewägt wird, was das beste für den Patienten ist. Ich liebe es, wenn die besonders die kleineren Patienten am Ende ihres Aufenthaltes immernoch oder zumindest wieder ein Lächeln im Gesicht haben und freudig zum Abschied winken. Ich liebe es einen Teil dazu beigetragen zu haben, dass es ihnen wieder besser geht. Ich finde es aber auch toll wenn man merkt, wie man denen weiter helfen kann, die leider nicht in ein paar Stunden wieder "gesund gemacht" werden können und wie man ihnen trotzdem Klarheit, Sicherheit und einen Plan für das weitere Verfahren mitgeben kann. Ich weiß einfach, wie wichtig so etwas ist.

Zugegeben, zu letzteren Dingen trage ich nich nicht allzu viel bei, aber trotz allem liebe ich besonders den Umgang mit den Kindern und der Medizin. Mein Herz geht dabei einfach auf und es fühlt sich so gut und richtig an! Ich merke jeden Tag im Moment wie viel Spaß es mir bringt und könnte fast schon heulen, wenn ich daran denke, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis ich für längere Zeit in der Klinik bleiben kann. Am liebsten würde ich einfach direkt dort bleiben <3

Ich bin froh und dankbar, dass mich meine Vergangenheit nun schon bis an diesen Punkt geführt hat. Ich bin unglaublich froh darüber, auf die Medizin aufmerksam geworden zu sein und sie für mich entdeckt zu haben. Ich denke nicht, dass ich ohne den Krebs die Idee dazu gehabt hätte. Ich bin unglaublich glücklich darüber, meinen Alltag mit etwas auszufüllen, was mich so begeistert und erfüllt.
Wenn ich daran denke, dann denke ich nicht, dass ich etwas ändern wollen würde an meiner Krankheit. Ich glaube es war für mich okay, ich habe es überstanden und vielen Dinge, die nach der Diagnose passiert sind machen mich so unglaublich glücklich, dass ich langsam denke, der Krebs hat mir wahrscheinlich mehr Glück als Unglück gebracht.
In diesem Sinne würde ich meine Geschichte wohl nicht in eine krebslose Variante eintauschen wollen ...